Prokrastination

{Jetzt, da ich den Eintrag fertig geschrieben habe, müsste ich den Titel eigentlich ändern. In «Prokrastination und andere Seltsamkeiten». Jedenfalls etwas in dieser Art. Aber nun zum Thema:}

Prokrastination:
Erledigungsblockade, Aufschiebeverhalten, Handlungsaufschub, Aufschieberitis.

«Das Verhalten, unangenehme, aber notwendige Dinge immer wieder zu verschieben, statt sie zu erledigen.»

Oder in meinem Fall: ALLES zu verschieben.
Ich besitze die unglaubliche und zweifelhafte Fähigkeit, Dinge nicht zu tun, die ich gerne machen würde, die aber ein bisschen Überwindung brauchen.
Wenn ich hier jetzt Beispiele aufliste, werde ich selber wieder einmal sehen, wie blödsinnig das ist. Trotzdem oder genau deswegen werde ich das jetzt tun:

Bücher lesen. Es klingt unglaublich, aber manchmal denke ich, Bücher zu lesen sei verlorene Zeit. Das Zeug, das ich den Stunden tun könnte, die es mich «kostet», ein Buch zu lesen! Seitenweise schreiben, kilometerweit rennen, den Handstand üben, meine Haare abschneiden, einen Song komponieren…! Die Tatsache, dass ich sowieso nichts von all dem tun werde (und einiges davon nicht einmal kann), hindert mich nicht daran, trotzdem kein Buch zu lesen.
Dann gibt es da noch einen anderen Aspekt: wenn ein Buch gelesen ist, ist die Beziehung zu ihm auch zu Ende. In den allermeisten Fällen. Die Spannung, die Neugier, die Unruhe die einen immer wieder in die Nähe des Buches trieben, sind verflogen. Selten kommt es vor, dass ich noch Tage nach dem Zu-Ende-Lesen eines Buches an die Geschichte denke.
Eigentlich gibt es einen Haufen anderer Aspekte. Zum Beispiel die Angst, mit dem Lesen eines Buches die eigene Fantasie zu vertreiben.

Schreiben. Schon mehrmals sah ich Ausschreibungen für Schreibwettbewerbe. Ein einziges Mal habe ich es bisher geschafft, einen Text einzureichen. Den habe ich in der Nacht vor dem Einsendeschluss geschrieben. Und mich dementsprechend nicht darüber gewundert, dass er es nicht unter die besten 20 geschafft hat. Mit dem Schreiben ist es so: Je mehr Zeit ich mit einem Text verbringe, desto mehr fällt mir auf, wie schlecht er ist. Oder wenn er zu Beginn vielleicht nicht schlecht oder sogar gut war, beginne ich beim erneuten Lesen mit umschreiben, umformulieren, löschen, neu schreiben, bis er schlussendlich zu einer Katastrophe mutiert. Die SVA (Abschlussarbeit, die für die Lehrabschlussprüfung zählt) war der erste Text, den ich zwei Wochen vor dem Abgabedatum fertig hatte. aber auch nur, weil ich mir noch etwas für die Herstellung des «Buches» einfallen lassen musste. Alles in allem war das Ding eine Woche zu früh fertig.

Projekte. Wann immer ich an Projekten einer Internetgemeinschaft mitmache, komme ich arg ins Schleudern. Mehrheitlich aus den selben Gründen wie beim Schreiben: Ich bin der Meinung, dass ich absolut nicht zeichnen kann. Was wahrscheinlich teilweise auch stimmt. Aber ich finde grundsätzlich alles, was ich aus dem Kopf zeichne, grauenhaft. Und weil es mir vor meinen Zeichnungen graust, zeichne ich lieber gar nicht, obwohl  mir klar ist, dass ich dann auch nicht besser werde. Das alles resultiert dann darin, dass ich in einer Nachtschicht in Photoshop etwas bastle, das andere toll finden und ich eher nicht.

Briefe öffnen. Ich habe eine unglaubliche Angst vor Post. Eine nicht ganz irrationale Furcht vor Rechnungen. Es kann passieren, dass ich Briefe drei Wochen lang nicht öffne, wenn zwar nicht weiss, aber doch ahne, was darin ist.

Telefonieren. Telefone sind die schlimmste (gut, MIT die schlimmste, direkt nach Atombomben und ähnlichem) Erfindung seit Menschengedenken. Da sind Leute am anderen Ende, die etwas von einem wollen, einen aber nicht kennen. Sie fragen, wie gut man englisch kann, bei welcher Versicherung man ist, labern einen mit Zeug voll, schneller als man zuhören kann.
Wenn ich geschäftlich jemanden anrufen muss, weiss ich nicht, wie der andere mir gesinnt ist, ob er freundlich ist, gut gelaunt, traurig oder krank. Ich fürchte mich vor unfreundlichen Menschen, obwohl ich selber nicht der freundlichste Mensch der Welt bin. Aber ich versuche doch, niemandem schnippisch zu antworten oder ihn zu beleidigen.
Muss ich privat jemanden anrufen, hat es mich zu interessieren, wie es ihm geht. Ich habe zuzuhören und soll aus der Stimme herausfiltern können, wie es dem kilometerweit entfernten Menschen geht. Wie soll ich das anstellen, wo ich doch nicht einmal einer mir gegenüber stehenden Person ansehe, wie es um sie steht? Ich fürchte mich davor, eine kranke Person am Telefon zu haben, und es nicht zu merken. {Mein letztes Mobiltelefon hatte ich drei Jahre. Anrufdauer sämtlicher Anrufe: 6 Stunden und ein paar Minuten.}

Krankenhaus- oder Klinikbesuche. Wenn ich krank bin, will ich niemanden sehen. Und ich mache immer wieder den Fehler, von mir auf andere zu schliessen. Ausserdem (und ich weiss, dass das enorm egoistisch von mir ist) fürchte ich mich davor, Leute, die ich kenne in (vor allem psychisch)  labilem Zustand  zu sehen. Wahrscheinlich befürchte ich, dass mich das selber komplett aus der Bahn werfen würde.
{Sowieso scheine ich weniger Kontakt zu Menschen zu brauchen, als die meisten Leute, die ich kenne. Die Woche in Feldis hat mir das einmal mehr gezeigt: Ich hätte eine Woche lang mit niemandem kommuniziert, aber meine Mutter rief mich schon am Dienstag an. (Und ja, sie hat mich damit echt genervt.) Sie telefoniert auch stundenlang mit ihrer Freundin, auch wenn sie sie am selben Tag schon 4 Stunden gesehen hat.}

Ich glaube, das reicht. Man merkt, worauf ich hinaus will. Nennt mich Queen of procrastination!

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