danach

Gestern Abend war ich mit ehemaligen und aktuellen Arbeitskollegen unterwegs. Na ja, so furchtbar viel waren wir nicht unterwegs, aber immerhin sind wir die knapp zwei Kilometer zum Restaurant und zurück spaziert. Nach dem Abendessen sassen wir in Fs Küche und tranken Kaffee, Wasser, Rum, Likör und weiss der Geier noch was alles — ich blieb beim Wasser.
Es war eine sehr gemischte Gruppe. Vier Frauen, vier Männer, drei Paare, zwei Singles. Die politischen Ansichten reichten von rechts bis links, religiöse von «gar nicht» bis «sehr». Themen waren unter anderem die ungleiche Verteilung von Reichtum auf der Welt, das soziale System in der Schweiz, arbeitende Mütter vs. Mütter daheim am Herd und mehr Zeug in der Richtung. Viele der anderen sind durch die Welt gereist, erzählten von den Dingen, die sie unterwegs gesehen haben und wir kamen darauf, dass Menschen in eher ärmeren Ländern glücklicher sind. Glücklicher ist möglicherweise das falsche Wort — aber sie haben ganz einfach nicht die Zeit, darüber nachzudenken, ob sie glücklich sind oder ob sie eventuell glücklicher werden könnten, weil sie sich darauf konzentrieren müssen, genug Essen für die ganze Familie auf den Tisch zu bringen. Der Familienzusammenhalt ist so enorm viel stärker als er hier in der Schweiz wahrscheinlich jemals war… das gibt schon zu denken.

Hier gehen Mütter arbeiten, weil die Familie unbedingt ein zweites Auto braucht (das sie wahrscheinlich nicht bräuchten, wenn die Frau nicht arbeitete) oder weil jedes Kind einen Fernseher im Zimmer braucht. Natürlich stimmt der vorhergehende Satz nur bedingt, ich nehme an, die meisten Leute arbeiten, weil sie arbeiten müssen, um Rechnungen zu bezahlen und die Miete und Markenkleider für die Kids… ups, schon wieder. Ich sollte wirklich nicht mehr so ironisch und zynisch sein. Manche Leute verstehen es nicht.
Mein Einwand jedenfalls war der, dass meine Mutter (alleinerziehend) seit ich sieben war auch immer gearbeitet hat. Ich ging nicht in einen Hort, ich wär dort drin wahrscheinlich durchgedreht. Orte mit vielen Gleichaltrigen waren mir nie ganz geheuer. Allerdings war ich über Mittag mehrere Jahre lang bei einer Tagesmutter, ausser mir waren da noch ihr eigener Sohn und ein oder zwei andere Kinder (alles Jungs). Wirklich wohl habe ich mich da nie gefühlt, ich ging hin, ass und ging viel zu früh wieder zur Schule. Das war nicht wirklich irgendjemandes Schuld (ausser meine, natürlich), es war einfach nicht die Art Haus, in dem ich mich wohlfühlen kann. Eine in meinen Augen ekelhaft perfekte Familie, in einem ekelhaft perfekten (aber nicht heimeligen) Haus. Grüne Fensterläden, dunkle Türen, alle mit dem selben Griff, dunkle Ledersofas, pelzige Teppiche im Bad und auf dem Toilettendeckel. Das Zimmer der älteren Tochter (die bei ihrem Vater lebte und nur manchmal dort war) mit rosa Tapete und Kompletteinrichtung aus dem Möbelkatalog. In diesem Zimmer musste ich zweimal übernachten, als meine Mutter mal weg fuhr. Ich hatte nie Probleme damit, an fremden Orten zu schlafen, aber dieses ganze rosa Zeug machte mich fertig. Kurz gesagt, ein steriles Haus. Mit Gartenzwergen und Tonfröschen im Garten. Seit damals hasse ich Gartenzwerge und Tonfrösche.
Es hat mir mit Sicherheit nicht geschadet, dass meine Mutter immer arbeitete. Es hätte mir mit Sicherheit mehr geschadet, in einen Hort gehen zu müssen, als zu dieser Tagesmutter (die übrigens wirklich sehr nett war und gut zu uns geschaut hat). Ich konnte einfach nicht mit anderen Kindern. Sicher hätte ich irgendwo einen Ort gefunden, an den ich mich hätte zurückziehen können, aber ich weiss wie es dort läuft — es wird versucht, die Kinder dazu zu bringen, mit anderen Kindern irgendwas zu machen. Und daran hatte ich absolut gar kein Interesse. Kein Hort der Welt hätte daran etwas ändern können.
Ich bin auch gar nicht sicher… wahrscheinlich wäre meine Mutter übergeschnappt, wenn sie in der Zeit, in der ich in der Schule war, allein zu Hause geblieben wäre. Abends war sie ja daheim, von daher kann ich nicht behaupten, ich hätte sie nicht genug gesehen.

Ich bin schon wieder abgeschweift.

Eigentlich wollte ich die Sache langsam darauf hin steuern, dass A irgendwann sagte, was für sie zähle, sei die Frage «was kommt nach dem Tod?» (ja, sie ist eine aus der Kategorie «sehr»). Sie meinte auch, es sei Ansichtssache, die einen würden an die Hölle glauben, die anderen nicht, aber für sie sei es wichtig, zu wissen, was danach kommt.

Mich persönlich interessiert es einen Scheissdreck, was danach kommt. Der Körper verrottet, das Hirn verwest und alles, was wir waren, geht. Wir bleiben Erinnerungen in den Köpfen und Herzen unserer Freunde — das ist alles. Und es ist verdammt viel!

Ich äusserte meinen Gedanken: wir sollten versuchen, glücklich oder mindestens zufrieden zu sterben, nicht dass wir im Moment des Todes noch irgendwas bereuen müssen. Etwas, das wir nicht getan haben, bereuen, sollte ich präzisieren. Wir werden immer Dinge tun, die wir zu irgend einem späteren Zeitpunkt bereuen, aber bereuen, dass wir etwas nicht getan haben (nach Island fahren, eine Frau küssen, eine Moräne streicheln, ein Stachelschwein umarmen, Fallschirmspringen), das sollte nicht sein! Also sollten wir in jedem Moment so zufrieden wie möglich zu sein.

Was wir alles verpassen, wenn wir die ganze Zeit nur daran denken, was danach kommen könnte und wie wir uns dieses Danach so gemütlich wie möglich gestalten könnten! Was wir alles nicht tun, weil wir Angst haben, wir werden dafür im Jenseits bestraft! Das tue ich mir einfach nicht an. Lieber mache ich mal irgendwas blödes, als dass ich ständig auf Nummer sicher gehe. Angst ist so eine starke Sache. Ein so verdammt grosses Hindernis.

One thought on “danach

  1. huh i just read your first part. it struck a chord with me because my mum always worked too. until late in the night every week day. it made things hard in some ways. I used to kind of piggyback on another kid’s nanny. she would look after me at the other kid’s house… My dad was on shift work so I’d get to spend some days with him, which basically meant unlimited computer time and going to watch the planes land at the airport…

    god i loved your comment about the perfect damn towels in the toilets. my aunt had that. perfect little towels, changed every single day. with themes too, oh my god… christmas towels for christmas, halloween towels for halloween. it freaked me out.

    wise comments about death, too. echo my thoughts to a degree. although i’m horribly superstitious and often worry that my shitty actions in this life might cause me troubles in the next one. yes, next life- i do mostly believe in reincarnation too, but i do believe that the personality dies to a great extent with our bodies. oh well.

    we had our first big winter storm today. lashing icy wind and rain. made me think about the spring you must be having : P. it’s not that great at the moment because i’m not used to the cold yet, and all of the sewing that i need to do to get my winter clothes into shape is taking up a lot of time.

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