Frühlingszufriedenheit

Dieser Frühling ist … seltsam. Ich bin sicher, er ist nicht wirklich seltsamer als andere Frühlinge – gibt es den Frühling in der Mehrzahl? – aber mir scheint er anders als die meisten Jahre zuvor.

Die Wiesen verwandelten sich innerhalb von zwei, drei Tagen von wüsten braunen alten Lumpen in strahlend grüne Grasteppiche – vermutlich hätte man, wenn man sich die Zeit genommen hätte, dem Gras beim wachsen zuschauen können.

Es folgte die Zeit, die ich meistens Zwischenzeit nenne, die Zeit zwischen zwei Jahreszeiten, nicht mehr Winter, noch nicht Frühling. Die Wiesen leuchten hellgrün, die Bäume und Büsche sind noch braun und kahl. Nichts passt zusammen. Eigentlich fing diese Zeit schon vorher an, mit den Schneeglöcklein und Primeln, die ihre Köpfe aus dem nassen Frühlingsschnee streckten.

Und jetzt sind wir schon fast in der Multigrünzeit angekommen. Das ist die Zeitspanne zwischen Frühling und Sommer, in der die Wiesen schon sommerlich sattgrün sind, die Bäume und Sträucher aber eher noch frühlingshaft hell. Das ist für mich die schönste Zeit. Die Welt sieht aus wie ein Farbfächer mit lauter Grüntönen. Oft weiss ich gar nicht, wohin ich schauen soll, welches Grün mir am besten gefällt… zuweilen stehe ich da und schaue und staune und Leute müssen um mich herum gehen und schütteln den Kopf.

An solchen Frühlingstagen frage ich mich schon mal, ob wirklich alles so ganz und gar unglaublich grün ist, oder ob mir meine Sinne einen Streich spielen. Vielleicht hat mir jemand einen Filter in die Brille eingebaut, der Farben und Kontraste verstärkt, der Dinge leuchten lässt, die sonst nicht leuchten. Oder vielleicht ist das Wasser, das ich im Büro literweise trinke, gar kein Wasser?

Ernsthaft, hie und da zweifle ich an meinem geistigen Zustand. Ist es möglich, dass die Welt so unglaublich, unwahrscheinlich, beinah unmöglich grün und bunt ist, wie ich sie sehe? Denn ich sehe niemals jemand anderen staunen. Nie höre ich jemanden quietschen vor Freude über eine durch den Asphalt gewachsene Blume. Kaum je sehe ich einen Menschen seinen Begleiter anstupsen und auf eine besonders schön geformte Wolke zeigen. Sogar Regenbögen lösen sich oft ungesehen wieder in Wassertröpfchen auf.

Dann will ich manchmal schreien und toben. SEHT IHR ES NICHT?
Wollt ihr es nicht sehen? Habt ihr verlernt, schöne Dinge zu sehen? Oder erwartet ihr im Alltag schlicht und einfach keine schönen Dinge mehr?
Klar, eine grün leuchtende Wiese mitten in Zürich zu erspähen  ist im Vergleich zu, sagen wir mal, der Entdeckung der Pyramiden ein relativ milder Adrenalinstoss.
Aber wenn man dauernd auf grosse Wunder wartet, läuft man da nicht Gefahr, tonnenweise kleine Wunder zu verpassen? Und wenn das grosse Wunder nie kommt – oder wenn man es versäumt, weil man gerade mit dem Auto im Stau stand, als es vorbei kam – und man die kleinen Wunder immer ignoriert, wird man sich da nicht irgendwann ganz furchtbar aufregen?

Bin ich übersensibilisiert? Lasse ich zu viel… Welt in meinen Kopf? Werde ich irgendwann überschnappen, wenn ich mich weiterhin über grünes Gras freue?

{manchmal denke ich, es wäre so einfach glücklich zu sein. Wenn man die Latte für’s Glück nicht so hoch setzen würde. Oder wenn schon nicht glücklich, dann wenigstens zufrieden. Was, wenn glücklich ein unerreichbarer Zustand ist und wir merken das, während wir keuchend unseren letzten Atemzug tun? Wenn zufrieden alles ist, was wir erreichen können?

Zufrieden ist gut. Ich bin zufrieden. Ich habe in den letzten Wochen 3 Säcke mit alten Klamotten für die Kleidersammlung gefüllt, Chaos aufgeräumt und darunter einen Schreibtisch gefunden, den PC wieder in brauchbaren Zustand versetzt; ich habe die blöde kleine Cybershot wieder gefunden und ein paar brauchbare Fotos gemacht; ich habe aus meinen ungelesenen Büchern eine Burg gebaut und sie anschliessend wieder ins Regal gestapelt; ich habe Steuern nachbezahlt, dazu mein Konto überzogen und werde für den Rest des Monats hungern müssen – aber ich werde an Ostern den Herrn Papa sehen und wir werden wandern und vielleicht Zug fahren, reden und schweigen und ich werde noch einen Marcel kennen lernen und viel, viel Bündnerdeutsch hören!}

Ich bin zufrieden.

2 thoughts on “Frühlingszufriedenheit

  1. Hi
    ich finde es nicht sonderbar, was Dir so alles auffällt, sondern bin eher Deiner Meinung, dass die meißten einfach die kleinen Dinge nicht mehr erkennen! Also halt die Augen weiter auf und freu Dich an den Dingen, die so unscheinbar sein können.
    Sehr schön geschrieben, gefällt mir sehr gut!
    lg Markus

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