not happy. {unsinn 12.06.07}

{Achtung: enthält Gejammer, viel davon.}

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Ich bin nicht glücklich. Jedenfalls nicht im Moment.
Letzte Woche war alles noch in Ordnung (obwohl ich in der vergangenen Woche jeden Tag geheult habe), es war am Montag noch alles in Ordnung und vielleicht war es heute Mittag noch so halbwegs okay, aber gerade jetzt bin ich von «glücklich» so weit entfernt wie der Nord- vom Südpol.

Warum?
Ja, warum?

Es regnet hier gerade nicht in Strömen, sondern eher in Seen oder Ozeanen. Vorhin war ich spazieren in diesem Regen, diesem wunderbaren. Ich sass auf der Bank oben auf dem Hügel und schaute dorthin, wo eigentlich die nächsten Häuser stehen müssten, aber ich sah höchstens ein paar schwache Lichter. Erstens wegen des starken Regens, zweitens wegen besagten Regens auf meiner Brille und drittens wegen der Tränen in meinen Augen. Tränchen, zu diesem Zeitpunkt noch. Erst dachte ich, es wäre mit ein paar tiefen Atemzügen erledigt, aber nach ein paar Sekunden war er da, der Weinkrampf, packte meine Schultern und schüttelte mich, bis ich kaum noch atmen konnte.

Einfach nur «nicht glücklich» stimmt nicht so ganz. Ich bin wütend, traurig und enttäuscht. Gleichzeitig, nicht abwechslungsweise. Ich kann niemandem erklären, wieso genau ich dauernd heule, weder allgemein noch spezifisch warum ich vorhin eine Stunde lang weinend durch den Regen lief. Ich tue das halt einfach ab und zu. Manchmal ist es einfach nötig. Und Regen eignet sich speziell gut. Weil mir irgendwann nicht mehr auffällt, dass immer noch Tränen über mein Gesicht laufen, da ja auch Regen über mein Gesicht läuft, und irgendwann ist eh egal, ob es salziges oder süsses Wasser ist.
Ich stand da am Hügel, Gesicht zum Himmel, Augen geschlossen, Brille in der Tasche, weil es im Dunkeln eh keine Rolle spielt, ob ich sie auf der Nase habe oder nicht, Wasser lief mir über’s Gesicht in die Jacke und via Regenhosen in die Schuhe.

Ich versuchte, diese unglaublichen Gefühle zu ordnen, diese rotglühende Wut und den Hass, ich versuchte herauszufinden, woher sie so plötzlich gekommen sind und was sie von mir wollen.
Sie haben mich aus dem Hinterhalt angegriffen und ich bin selber schuld. Ich war nicht auf der Hut. Langsam sollte ich ja wissen, dass es nicht lange gut geht, dass es mir nicht lange gut geht. Das ist ja auch der Grund, weshalb ich Gefühle sonst auf Distanz halte, bewusst oder unbewusst, weil ich genau weiss, dass hinter der nächsten oder übernächsten Ecke all das negative Zeug hockt und lauert, das nur darauf wartet, dass ich glücklich bin, um mich dann mit Messern und Knüppeln niederzustrecken. Ich habe das verdammt nochmal gewusst und trotzdem nicht damit gerechnet, nicht dieses Mal, und nicht so schnell.

Wütend auf mich selber. Weil ich nicht in der Lage bin, mich wie ein vernünftiger erwachsener Mensch zu verhalten. Weil ich es zum Beispiel nicht fertig bringe, Briefe mit Rechnungen drin ganz entspannt zu öffnen und selbige einfach zu bezahlen, wie das ein normaler Mensch halt so macht. Ich habe ANGST VOR MASCHINELL ADRESSIERTEN BRIEFEN, obwohl ich meistens weiss, was drin ist, und warum es drin ist. Nämlich weil ich es so wollte. Es hat gebessert im letzten Jahr, das schon. So wie sich auch die Sache mit dem verdammten Telefon gebessert hat. Vielleicht ist noch nicht alle Hoffnung verloren.

Ich bin immer wieder überrascht, wie stark, wie intensiv diese Gefühle sind. Die Wut vor allem, diese unglaubliche Wut, die macht mir Angst. Sie macht, dass ich mit voller Wucht in eine Betonwand boxe, sie macht, dass ich mir mit dem Hammer irgendwo drauf hauen will, sie macht Skalpelle so unglaublich attraktiv und das grösste Problem an dem ganzen Scheiss ist, dass ich in dem Moment nicht einmal Schmerzen verspüre! Ich könnte mir einen Arm abschneiden oder die Hand brechen und es würde höchstens ein bisschen kitzeln.

Und dann die Traurigkeit, die ich mir nicht erklären kann. Die hier nichts zu suchen hat. Sie hockt in mir, ein eisiges hellblaues Ding mit Stacheln dran. Solange sie klein ist, darf sie da bleiben, Platz ist genug da und sie stört nicht weiter. Manchmal aber schwillt sie an, wird gross und schwer, so gross und schwer, dass meine Lungen keinen Platz mehr haben.

Und die Angst. Die Angst vor allem und vor nichts. Ich kann nicht sagen, wovor ich Angst habe, und gerade das macht die Sache so mühsam. Ich habe keine Angst vor vielen Dingen, vor denen andere Menschen Angst haben. Spinnen, zum Beispiel. Mir egal. Sollen sie doch auf meinem Regal hocken und dann im Schein der Nachttischlampe daher gekrochen kommen, ihr zigfach vergrösserter Schatten wie ein Monster an der Wand, mir doch egal. Meine Ängste haben mit mir zu tun und mit meiner Unzulänglichkeit. Mit meiner Unfähigkeit, die einfachsten Dinge auf die Reihe zu kriegen.

Wenn ich nur wüsste, was sie alle von mir wollen, und vor allem, warum sie das gerade jetzt und gleichzeitig von mir wollen! Sie haben jetzt hier nichts verloren, ich kann sie nicht gebrauchen. Wie soll ich sie denn bitte bekämpfen, wenn sie mich gleichzeitig angreifen? Mit der Angst allein, oder der Wut oder der Traurigkeit allein kann ich umgehen. Das geht, das habe ich gelernt. Aber alle zusammen sind sie ein übermächtiger Gegner, beinahe nicht zu besiegen und es brauchte diese Stunde im Regen, um sie ein wenig zurückzudrängen.

Alles wird gut. Ich weiss es. Es geht immer irgendwie weiter. Und vorwärts ist der einzige Weg.

 

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{Ist schon viel besser jetzt. Der Regen ist schön. Er beruhigt. Nur ein Schneesturm wäre besser.}

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