Von Feen und Elfen

… und anderen Hirngespinsten.

Ich bin ja mit dem Monsterpferd oft im Wald unterwegs. Meistens komme ich gar nicht dazu, irgendwelche Dinge zu entdecken. Manchmal allerdings bleiben wir stehen, das Monster und ich, vielleicht, weil er irgendwas gehört oder gesehen hat, vielleicht weil er irgendeinen Ast anfressen will und ich zu langsam reagiert habe, vielleicht aber auch, weil ich angehalten habe, weil es im Wald einfach so schön ist.

Es gibt da, etwa vierzig Minuten vom Stall entfernt, diese Stelle im Wald. Eine sehr moosige Fläche, auf der ein paar Bäume stehen. Irgend etwas an diesem Ort ist speziell. Wenn man morgens früh genug da ist, scheint die Sonne so durch die Bäume, dass die ganze Wiese in ein warmes gelbes Licht getaucht wird. Manchmal, wenn es neblig ist oder wenn Dunst vom feuchten Waldboden aufsteigt, sieht der Platz beinahe magisch aus. Fast erwartet man, irgendwas blau schimmerndes durch die Luft fliegen zu sehen, eine Elfe oder eine Fee oder vielleicht einen Waldgeist.

Im allgemeinen bin ich eher ein nüchtern denkender Mensch. Einer, der Fakten irgendwelchen Hirngespinsten vorzieht. Einer, der die Existenz jedweder Gottheit für ziemlich unwahrscheinlich hält. Einer, den Fantasyromane in den Zustand unglaublicher Müdigkeit und Gelangweiltheit versetzen. Oder der sie einfach nicht versteht.

{ich weiss nicht genau, was es ist, das mich von Fantasyromanen fernhält. Es ist mir zu anstrengend, mir all die Wesen vorzustellen, ihnen Formen und Gesichter und Persönlichkeiten zu geben. Es geht zuviel Energie dafür abhanden, die ich zum verstehen der Geschichte bräuchte. An Fantasie mangelt es mir eigentlich nicht, aber ich möchte sie nicht dazu verwenden, mir anderer Leute Erfindungen vorzustellen.}

Als ich heute morgen durch den Wald ritt, kam mir plötzlich ein Erlebnis wieder in den Sinn.
Ich war mit meinem Vater in den Bergen unterwegs, im Wald zwischen Flims und Trin, an der Stelle, wo man in die Rheinschlucht absteigen kann. Da stehen ein paar Sitzbänke, es gibt eine Feuerstelle und einen Brunnen. Es muss Mitte der Neunzigerjahre gewesen sein, ich war also ungefähr zehn Jahre alt.
Ob wir schlussendlich unsere Rheinschluchtwanderung gemacht haben oder nicht, das weiss ich nicht mehr. Aber ich kann mich genau erinnern an die kleinen Häuern aus Ästchen und Blättern, die jemand zu Füssen vieler Bäume gebaut hatte. Was das sei, fragte ich den Herrn Papa. Zwergenhäuschen, sagte er. Ich war ganz begeistert von diesen liebevoll erstellten winzigen Bauwerken.
Irgendwann später, eventuell sogar im selben Jahr, war ich mit Herrn Papas Cousine (die Töpferin) und deren Tochter unterwegs und wollte solche Häuser selber bauen. Die Töpferin (ein sehr naturverbundener Mensch) nannte sie Feenhäuschen. Ob ich wirklich glaubte, dass Feen in die Häuschen einziehen würden, oder ob ich überhaupt glaubte, dass es so etwas wie Feen überhaupt gibt, weiss ich nicht mehr. Gesehen habe ich nie welche, obwohl ich dauernd danach Ausschau hielt. Irgendwie ist der Wald für mich seither ein bisschen magischer geworden. Ob sich da nun Elfen und Feen tummeln, spielt ja eigentlich gar keine Rolle. Es gibt so viel wunderbares zu entdecken, sei es von Menschenhand erstellte Zwergenhäuschen oder Mobiles, die an Bäumen hängen, mit Kieselsteinen und Moos und Tannzapfen gelegte Muster auf dem Weg, oder ein hell leuchtendes Glühwürmchen am Waldrand.

In diesem Wald zwischen Flims und Trin gab es früher eine Stelle, weit weg von allen Wanderwegen, wo Frauenschühchen wuchsen. Ein Cousin vom Herrn Papa war immer unterwegs in dieser Gegend, immer auf der Suche nach speziellen Pflanzen. Einmal, als ein sich Grossteil der Familie zum Arbeitstag dort oben versammelt hatte, führte er uns am Sonntagmorgen in den Wald. Ich weiss noch, wie wir alle andächtig um ein kleine Ansammlung von Frauenschühchen standen. Obwohl ich noch ein Kind war, begriff ich irgendwie die Wichtigkeit dieser Sache, die Begeisterung in der Stimme des Finders und die Traurigkeit, als er sagte, dass in ein paar Jahrzehnten diese Pflanze wohl ausgestorben sein werde. Er hat es nicht mehr erlebt, das Verschwinden dieser Pflanze, er ist vor mehr als zehn Jahren gestorben. Seine Beerdigung war die zweite, an der ich in meinem Leben war und irgendwie, so blöd das jetzt klingen mag, war es sehr schön. Es war keine dieser gezwungen stillen Beerdigungen, es wurde gelacht und gescherzt und ich sass neben der Frau eines Papacousins , deren lustige Ideen und humorvolle Art mich sehr begeisterten.

Was ist es bloss mit diesen Feen und Elfen?
Wenn ich jetzt schreibe, dass «tserafouin» Fee bedeutet (oder Feen, ich bin mir da mit dem Singular/Plural-Zeug nicht so sicher), lacht ihr dann? Ich schon. Ich grinse ein bisschen. Weil an mir absolut nichts feenhaftes ist. Ausser vielleicht, es gibt besonders trottelige Feen.
Jedenfalls: ich nenne mich nicht tserafouin, weil ich denke, ich sei eine Fee (am ehesten noch so eine Art Waldgeist), sondern weil ich das Wort so schön finde.

 

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