Nachtzugfreuden

Letzte Nacht bin ich seit Jahren zum ersten Mal wieder mit einem Nachtzug nach Hause gefahren. Normalerweise schaue ich, dass ich den letzten regulären Zug erwische, da mich der Nachtzuschlag von 5 Franken reut. Jetzt, wo ich das so tippe, merke ich, wie blöd es klingt, wie blöd es wahrscheinlich auch ist, wenn man bedenkt, wieviel Sicherheitspersonal die SBB beschäftigen muss, damit Leute sich überhaupt trauen, in diese Nachtzüge einzusteigen.
So erstaunte es mich eigentlich, dass ich relativ viele allein reisende Frauen antraf, nachts zwischen zwei und drei. Klar, ich war auch eine von ihnen, und wahrscheinlich ging es ihnen genau wie mir, sie waren irgendwo und haben einen anderen Heimweg als die anderen. Und ich beobachtete, dass sie, wie ich, am Bahnhof ein wenig in die Nähe von anderen Frauen standen. Und sich im Zug in benachbarte Abteile setzten. Eine unausgesprochene Einigkeit, ein «ich kenne dich zwar nicht, aber wir halten zusammen, ja?»

Was sagt es über meine Meinung über die Menschheit aus, dass ich überrascht bin, wie angenehm die Reise letzte Nacht war?
Als ich vor geschätzten 8 Jahren zum ersten und bis gestern letzten Mal in einem Nachtzug fuhr, war da drin die Hölle los. Gut, es war damals der Nachtzug um 4:00 Uhr gewesen, zwei Stunden später als gestern, die Leute hatten noch zwei Stunden mehr Zeit gehabt, um sich zu besaufen und davon auch rege Gebrauch gemacht. Und fleissig den Zug vollgekotzt. «NIE WIEDER!!» hatte ich mir darauf hin gesagt und bin immer mit dem letzten «normalen» Zug heim.
Und gestern? Nichts. Kein Gepöbel, kein Gekotze, keine Streitereien. Blasse, ungesund aussehende Leute, das schon. In Dietlikon torkelte ein einzelner Mann in bedenklichem Zustand aus dem Zug. Wie der wohl bis ins Bett gekommen ist? Zwei Männer diskutierten laut in französischer Sprache. Die meisten anderen waren eher ruhig.
Zwischen Effretikon und Stettbach wurde ich ungewollte Ohrenzeugin eines Gesprächs, das mein Herz erfreute: zwei Burschen in angeheitertem Zustand diskutierten über Dinge, die man junge Burschen nachts um halb zwei eher selten diskutieren hört. Einer sagte: «ich würde so gerne wieder mal ein richtig gutes Buch lesen. Aber ich finde nie die Zeit dazu!» Der Andere stimmte ihm zu, man käme halt selten zum lesen, so mit Arbeit und Schule und Ausgang. Ob er, also der Eine, «Es» gelesen habe, von Stephen King? Das habe er, der Andere, als Kind mit grosser Begeisterung verschlungen. Der Eine kennt nur den Film, würde aber das Buch auch gerne mal lesen.
Dann stiegen sie aus, der weitere Gesprächsverlauf ist mir leider unbekannt.
Ich blieb zwiegespalten im Zug zurück. Einerseits dachte ich «geil! junge Leute, die gerne und freiwillig ein Buch lesen wollen, ein gutes noch dazu!» Andererseits machte mein Magen einen Salto, als Stephen King erwähnt wurde. Meine Erinnerungen an «Friedhof der Kuscheltiere» sind, nun… eher nicht so erfreulich. «Immerhin haben sie nicht Dan Brown gesagt!» beruhigte ich mich, grinste beim Gedanken daran, was ich mit einem meiner Dan-Brown-Taschenbücher noch vor habe, und hoffte, dass der Eine demnächst mal eine Buchhandlung aufsucht und sich die komplette Stephen-King-Sammlung besorgt.

Am Stadelhofen musste ich umsteigen, ich habe den Bahnhof gewählt, an dem ich nicht allzu lange warten musste. Am wenigsten lang wäre die Wartezeit am Hauptbahnhof gewesen, aber erfahrungsgemäss sind da die betrunkensten Leute, zudem ist der Bahnhof am Stadelhofen etwas weniger beengend. Beim Gleis 1 höre ich Glasflaschen klirren und scheppern, Leute lehnen an Pfosten und hängen auf der Treppe, besonders glücklich sieht keiner aus.
“Where is the fun in a night like this??” fragte ich mich, auf englisch, weiss der Himmel warum.
Menschen zu sehen, die sich dermassen ins Elend saufen, Wochenende für Wochenende, bringt mich schon fast dazu, wieder zum Teetotaller zu werden. Schwer würde es mir nicht fallen, ich hab ja überhaupt erst angefangen, Alkohol zu trinken, als ich weit über zwanzig Jahre alt war. Und immer wieder sehr lange Pausen gemacht.

Ich habe eine Heidenangst vor besoffenen Leuten. Vor Männern, in erster Linie. Völlig wurscht, wie gut ich jemanden kenne, ich will keinen betrunken erleben (auch mich selber nicht) und das hat seine guten Gründe.

Als ich letzte Woche meinen Herrn Papa traf (der seit 3 Jahren keinen Tropfen mehr trinkt), musste ich grinsen, als er sagte, er fände, man solle besser kiffen als saufen. Ersten sei es medizinisch gesehen nicht nur gesünder als saufen, sondern sogar tatsächlich gesund, zweitens mache es einem nicht aggressiv sondern friedlich und drittens… drittens habe ich vergessen.
Ist auch egal. Ich sagte ihm, ich würde trotzdem nicht anfangen zu kiffen.

So. Wer möchte eine Tasse Tee?

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