Unsinn 12.09.13

Es ist Donnerstag, aber eine Weile lang denke ich, es sei Freitag. Warum, kann ich mir nicht erklären, es ist nicht so ein «yeah, morgen muss ich nicht früh aufstehen»-Gefühl. Der Tag fühlt sich ganz einfach nicht wie ein Donnerstag an. Es ist ähnlich wie letzten Sonntag, als ich mitten in der Nacht aufwachte und überzeugt war, drei Stunden später aufstehen und ins Büro gehen zu müssen. Aufstehen musste ich zwar, aber statt ins Büro zu gehen und den Plattenentwickler zu putzen, musste ich in den Stall radeln und Boxen ausmisten.

Er ist aber gar kein so schlechter Tag, dieser Nichtfreitag. Im Geschäft belichte ich ein paar Druckplatten und verbringe den Rest der Zeit damit, Notizblöcke auseinanderzuschneiden. Dazu höre ich «The Picture of Dorian Gray», gelesen von Stephen Fry. Als Dorian das Messer hebt, um das Gemälde zu erstechen, weiss ich schon, wie es enden wird, ohne das Buch zuvor gelesen zu haben – es kann ja eigentlich gar nicht anders aufhören.

Nach der Arbeit fahre ich nach Zürich, es gilt, die Zeit bis 21 Uhr zu vertreiben.
Im H&M pflüge ich mich durch die Kleiderständer, permanent den Kopf schüttelnd. Warum zum bärtigen Geier sind im Moment sogar T-Shirts halb- oder totaltransparent? Das ist doch zum schreien! Selbst die Schaufensterpuppen tragen 4 Schichten übereinander, und die haben ja wirklich nichts zu verstecken.

Schlussendlich lande ich natürlich im English Bookshop. Es wundert mich überhaupt, dass ich die letzten Male, als ich in Zürich war, nicht in diesen Buchladen ging – das letzte Mal ging ich dafür in den «normalen» Orell Füssli und kaufte zwei Bücher.
Heute allerdings, als ich eigentlich vor habe, ein kleines Taschenbuch zu kaufen, irgendeins, wandere ich sicher fast eine Stunde lang im Laden herum und kaufe … ein Stempelset.
Was kann ich denn dafür, dass die jetzt da plötzlich Stempel verkaufen? Es gibt Städte-bezogene Sets, für London zum Beispiel den Big Ben Tower und ein Taxi, und dann gab es so ein Stadt-Set, in dem so Stadtdinge drin sind: ein Baum (sehr logisch), ein Hochhaus, ein Fahrrad und eine Reifenspur. zumindest denke ich, dass es eine Reifenspur ist. Würde jedenfalls zum Thema passen.
Bücher kaufe ich keine. Sie sind so viele und ich bin ganz allein, sie sind in der Überzahl und ich kann mich nicht entscheiden. Ich habe doch schon so viele. Vor allem so viele ungelesene.

Vor dem Konzert überreiche ich The Great Park eine Handvoll Postkarten, das war wieder so eine bekloppte Idee von mir. Drei von den Karten haben ein Stück Songtext aus Great-Park-Songs aufgestempelt, über die Zeilen aus dem Kitchen Song ist er besonders erfreut: “that is actually a song I thought no one would ever listen!”
(why? “because it’s a new one and it’s so silly”.)
Well, I like it. Especially the silliness. I like nonsense and silly things.

Wie ich die Karten denn gemacht hätte, will er wissen und wir reden über Bubble Wrap und wie man damit stempeln könnte, weil einer der Stempel, die ich benutzt habe, Bubble Wrap imitiert und während des Gesprächs hopst mir das Wort «Luftpolsterfolie» im Kopf herum und ich merke, wieviel toller doch die englische Bezeichnung ist.
Während des Konzerts fällt mir eine Methode ein, wie man mit Bubble Wrap ohne grosse Sauerei stempeln könnte.

Die Frau, die später mit Stephen Violine spielen wird, fragt auch etwas, und wir müssen grinsen, sie, ihre Begleiterin und ich, weil es ein bisschen falsch rauskommt, aber gar nicht so fies gemeint ist, wie es klingt. «Du hast diese Karten selber gemacht? Was bist du?»
Ich antworte instinktiv mit «Polygrafin», was mich hinterher ein bisschen ärgert, auf so eine Frage hätte man so viele tollblöde Antworten geben können.

Später, als ich vom Dorf nach Hause spaziere, gehen auf einmal die Strassenlampen aus: genau um 0:30 Uhr wird’s finster. Prompt knalle ich ein paar Sekunden später in so ein Verkersberuhigungsteil. Nach ein paar weiteren Sekunden haben sich meine Augen schon fast an die Dunkelheit gewöhnt. Die vermeintlich pechschwarze Finsternis ist gar nicht ganz so finster. Aber schon finsterer als im Hochsommer. Dafür sind die Sterne aussergewöhnlich hell.
Ich gehe in der Mitte der Strasse, den Kopf ganz nach hinten in den Nacken gelegt, und schaue während des Gehens die Sterne an. Bis mir schwindlig wird.
Wie immer, wenn ich Sterne anschaue, denke ich an den Herrn Papa. Er ist verantwortlich dafür, dass ich zwei Sternbilder mit Namen und Figur kenne. Und von einem weiteren nur den Namen.

Als ich in den Spiegel schaue, bekomm‘ ich’s fast mit der Angst zu tun. Ich habe weniger Falten als einige andere in meinem Alter. Dorian Gray kommt mir in den Sinn, sein hässliches Portrait. Was, wenn… und dann fallen mir zum Glück die grauen Haare auf meinen Kopf ein. Gefärbt oder nicht, sie bleiben graue Haare.

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