Lesen lieben, Lesen hassen

Ich liebe Bücher.

Ich liebe den Geruch frisch gedruckter Bücher. Mit frisch gedruckt meine ich extrem frisch, direkt aus dem Druckbogenstapel gezupft. Ich liebe Bücher schon in dem Zustand, in dem sie eigentlich noch gar keine Bücher sind, sondern scheinbar willkürlich auf einem grossen Blatt Papier verteilte Buchseiten.

Je nach dem mag ich sie sogar schon, wenn sie als Manuskript bei uns angeliefert werden. Als ich letztes Jahr mein erstes Buch setzen konnte, habe ich mich in die Arbeit verliebt, in den Anblick einer in Archer Book gesetzten Doppelseite. (Der Inhalt war zwar absolut nicht nach meinem  Geschmack, dazu noch geschrieben von einem Pastor einer Freikirche…)

Man lernt jede Seite kennen, sieht jeden etwas zu grossen Weissraum im Text und ist eigentlich nie ganz zufrieden. Und doch hat man, wenn das fertige Buch vom Buchbinder zurückkommt, das Gefühl von «das haben wir gut gemacht».

Die meisten Bücher, die wir drucken, werden allerdings fertig als PDF angeliefert. Mir bleibt das Ausschiessen (platzieren der Seiten auf dem Druckbogen) und das Belichten der Druckplatten, ersteres eine Arbeit, die mich immer wieder herausfordert. Zwar bekomme ich von W1 oder direkt vom Buchbinder ein Schema, das mir zeigt, wie die Seiten platziert werden müssen, aber ich muss sicherstellen, dass jede Seite auf jedem Druckbogen am richtigen Ort ist, dass keine Schnittzeichen und Passkreuze irgendwo im Druckformat sind, dass die Flattermarken an der richtigen Stelle sind (der eine Buchbinder will sie am Kopf, der andere am Rücken, der eine hat eine Maschine, die sie selber einliest, der andere muss sie von Hand kontrollieren). Wenn ich da etwas versaue, ist das ganze Buch versaut.
Manchmal wäre ich echt froh, ich hätte ein bisschen ein moderneres Ausschiessprogramm, andererseits halte ich so mein Hirn beweglich.

Es ist schön, zu wissen, wie ein Buch entsteht. Aber nicht notwendig, um Bücher zu lieben. Ich mochte Bücher schon, bevor ich begonnen habe, in der Druckbranche zu arbeiten.
Schon als kleines Kind mochte ich Bücher. Im Kindergartenalter habe ich versucht, mir das Lesen beizubringen, weil ich nicht immer warten wollte, bis sich jemand erbarmte, mir meine Lieblingsbücher (Die kleine Hexe und Das kleine Gespenst) vorzulesen.
Bis ich achtzehn war, wohnte ich sehr nahe bei einer Bibliothek. Sehr nahe heisst: zwei Minuten zu Fuss. Wahrscheinlich habe ich in all den Jahren die Hälfte der dort vorhandenen Bücher in den Händen gehalten. Und einen Grossteil davon auch gelesen. Man konnte dort zehn Bücher auf einmal ausleihen und sie vier Wochen behalten. Es gab auch CDs (eine verschwindend kleine Sammlung) und, wenn ich mich richtig erinnere, auch Videos. Letztere waren von keinerlei Interesse für mich, da wir keinen Videorekorder hatten.
Oft war ich mehrmals pro Woche in der Bibliothek. Vielfach habe ich die Bücher gleich an Ort und Stelle gelesen, vor allem die Jugendbücher, die waren meist sehr kurz und wunderbar leicht zu lesen. Über die Jahre habe ich mir eine Schnelllesetechnik angeeignet, die es mir erlaubte, in einer knappen halben Stunde eins dieser Jugendbücher zu lesen. Heute arbeite ich daran, mir diese furchtbare Schnellleserei wieder abzugewöhnen, weil ich oft zwar nicht unbedingt wichtige aber doch amüsante Details schlichtweg überlese. Daher lese ich Bücher oft zwei-, drei- oder sogar viermal. Und jedes Mal entdecke ich wieder neues.

Heutzutage reicht es mir meistens nicht, ein Buch einfach zu lesen. Ich will es besitzen. Secondhand-Bücherläden sind ein Fluch und ein Segen für mich. Man findet dort Bücher, die schon lange nicht mehr gedruckt werden oder sonstwie vergriffen sind. Allerdings findet man die höchstens per Zufall – wenn man etwas sucht, kann man an der schieren Masse an Büchern verzweifeln. Mit weniger als fünf Büchern gehe ich selten nach Hause. Natürlich gibt’s da auch noch die normalen Buchläden, von denen ist mir besonders der englische Orell Füssli in Zürich ans Herz gewachsen. Englische Bücher, vor allem Taschenbücher, sind oft viel aufwendiger gestaltet als deutsche. Also, der Umschlag – gesetzt sind sie oft ganz furchtbar.
Über die Jahre haben sich so … einige Bücher angesammelt. Ich hab so ein Ikea-Regal, da stehen sie unterdessen in drei Reihen hintereinander. Dann ist da noch ein anderes Regal, halbvoll – halb aber auch bloss, weil der Rest davon mit anderem Kram überfüllt ist.

Der Geruch von Büchern ist auch so eine Sache. Keine zwei riechen genau gleich. Beim letzten Umzug habe ich noch alte Bücher von meinem Vater im Keller gefunden und obwohl sie fast zwanzig Jahre nebeneinander im selben Schrank im selben feuchten Keller gelegen haben, rochen sie nicht gleich.
Neue Bücher gehen durch mehrere Geruchsphasen; wenn sie direkt vom Buchbinder kommen, riechen sie noch relativ stark nach dem Leim, der sie zusammenhält. Später riechen sie dann nach der Druckfarbe und was am längsten bleibt, ist der Geruch des Papiers. Bis sie dann bei jemandem im Wohnzimmer stehen und ganz individuelle Gerüche annehmen.
Secondhand-Bücher riechen oft nach Staub und nach Keller. Oder nach Dachboden. Und auch immer noch ein wenig nach Papier.

Ich hätte gern mal ein Buch, das nach Sommerwiese riecht. Und dessen Papier beim blättern wie Grillengezirpe klingt.

Das war jetzt alles sehr Objektbezogen. Da ist natürlich auch noch die Liebe zum Lesen.
Lesen ist Flucht, lesen ist Ablenkung. Lesen ist Inspiration, Gedankenbeflügelung.
Lesen ist aber auch ein Fantasietöter.

Ich liebe Lesen. Ich hasse Lesen. Gleichzeitig, nicht abwechslungsweise.

Eintauchen in neue Welten, erkunden unbekannter und nicht existierender Gegenden, sich gruseln und ekeln und fürchten vor Monstern, die es nicht wirklich gibt. Sich verlieben in Charaktere, Landschaften, Dinge, die man nie gesehen hat. Sich verlieben in wunderschön geschrieben Sätze und Abschnitte und Kapitel.

Und wenn man dann selber schreibt, weiss man nicht mehr, ob das dreiflügelige, krähenfüssige pinkfarbene Ungeheuer tatsächlich ein eigener Einfall war oder ob man vor Jahren mal ein Buch gelesen hat, in dem so ein Vieh vorkam.
Wenn ich lese, muss ich mir nicht selber Welten erträumen. Die Arbeit wird mir abgenommen. Wenn ich wenig lese, träume ich zwar weniger, aber wenn, dann originelles Zeug. Wenn ich viel lese, schreibe ich zwar mehr, lebe aber in der permanenten Angst, aus Versehen Worte, Ausdrücke, ganze Sätze zu verwenden, die schon jemand vor mir verwendet hat. Nicht absichtlich natürlich, aber bekannterweise ist unser Gehirn ja viel aktiver, als wir vermuten. Und mein fotografisches Gedächtnis findet es toll, sich auch nach Jahren noch genau an gelesene Sätze zu erinnern (vorausgesetzt, die haben mich damals wirklich beeindruckt). Letztes Jahr suchte ich den Satz «Eisbären zogen ihre Kreise auf dem Packeis» in 9 Büchern. Ich wusste genau, dass sich der Abschnitt, in dem dieser Satz vorkommt, im unteren Drittel einer linken Seite befindet. Im ersten Viertel des Buches.
Es handelt sich um einen Krimi von Andrea Camilleri – die kann ich wirklich absolut empfehlen, ich mag die sehr, obwohl ich sonst kaum Krimis lese. Es sind Bücher, mit denen man im Zug sitzt und leise vor sich hin kichert.
Man stelle sich vor, ich hätte nicht mehr gewusst, wo der Satz sich versteckt – ich hätte ewig gesucht.

Da ist auch die Furcht, ein Buch zu Ende zu lesen. Wenn man’s gelesen hat, ist fertig lustig. Da ist nichts mehr, auf das man sich freuen kann. Keine sorgfältig und wortreich skizzierten Landschaften, die man entdecken kann. Keine neue Gasse in einer unbekannten Stadt, durch die man schlendern kann.

Und da ist die Furcht, ein Buch überhaupt zu lesen. Was, wenn man es nicht mag? Das wäre furchtbar ärgerlich.
Was, wenn man es nicht versteht? Wenn das Buch und ich uns … irgendwie nicht finden? Wenn das Buch eine Sprache spricht, die ich nicht verstehe? Wenn es nach der Hälfte plötzlich schlecht wird? Oder wenn man den Hauptcharakter nicht mag? Das wäre echt blöd.
Es gibt Bücher, die habe ich vor lauter Angst, sie nicht zu mögen, gar noch nicht gelesen, obwohl sie schon seit Jahren in einer hintersten Reihe im Ikea-Regal ihr Dasein fristen.

 

{Das klingt alles irgendwie sehr kindisch. Es wäre gut, zu wissen, dass es auch anderen so (oder zumindest ähnlich) geht.}

 

Meine meistbesuchten Bücherquellen:

Das Bücherbrocki beim Bahnhof Enge. Auch genannt Bücherkeller: Bederstrasse 4, 8002. Zürich (Bücher sind nach Sprachen und Genre grob sortiert; es gibt auch Schallplatten)

Die Brockenhalle Tigel im Seefeld: Hornbachstrasse 62, 8008 Zürich (Bücher sind nach Sprachen und alphabetisch nach Autor sortiert)

Das Zürcher Brockenhaus beim Hauptbahnhof Zürich: Neugasse 11, 8031 Zürich (Bücher sind nach Sprachen und alphabetisch nach Autor sortiert)

Das Heilsarmee-Brocki in Wetzikon: Zürcherstrasse 35a, 8620 Wetzikon

Dann gab es in Zürich ein wunderbares kleines Buchantiquariat, das leider vor zwei Jahren einem Modegeschäft weichen musste. Ich weine immer noch.

2 thoughts on “Lesen lieben, Lesen hassen

  1. mmmm, books…

    There’s no complicated feelings between me and books. Just pure affection for them : P und fuer diese Sprache… that’s given me a living (of sorts) all my life; as a perennial student, then perennial postgraduate student, then as an English Language teacher. I am fond of books because they present themselves easily to my short-sighted eyes and make few demands on me. They lull me to sleep, and when I can’t sleep, they stand between myself and the creepy exotic hours of night.

    My car blew up this morning, so no work for me today… actually it was a radiator hose, not the entire car. So now I have a day to grub in my garden, paint my clogs and talk with the magpie.

    (R)XOX

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