Auf See I.

Samstag, 17. Juni 2017, 11:57

Vielleicht habe ich letzte Nacht mal wieder von Wasser geträumt. Jedenfalls packt mich, als ich noch im Halbschlaf im Bett liege, eine unbändige Sehnsucht nach einem See. Da der mir liebste aller Seen allerdings mehr als 100 Kilometer von meinem Bett entfernt liegt, mache ich mich auf den Weg nach Rapperswil, um dort auf eines der Zürichseeschiffe zu steigen. ganzer Eintrag // read more

geerdet.

Manchmal, wenn ich mich allein fühle wie ein einsamer letzter Keks, den sich niemand aus der Schachtel zu nehmen traut, lege ich mich in eine Wiese, um wieder Kontakt mit der Erde herzustellen. Auch schon legte ich mich während eines Spaziergangs auf den Waldboden, die Hände in die weiche Erde gekrallt, die Wärme des feinen Untergrundes spürend, die dieser tagsüber aufgenommen hatte und es fühlte sich an, als würde die Erde atmen, schwer und langsam wie ein grosses Tier.

Letzten Sonntag eine Stunde auf der Weide gedöst, während daneben vier Pferde friedlich grasten.
Ein schöner Nachmittag.

in Einsiedeln

{Ausflug nach Einsiedeln am 6. August 2015}

(am 6.8.)

Nach einigen Runden auf dem Reitlatz mit der Hexe und einer wider Erwarten recht angenehmen Geländerunde mit dem Torkeltier bin ich um zwölf Uhr wieder daheim und um 13:03 Uhr im kleinen Bus zum Bahnhof. Kurz darauf befinde ich mich im Zug nach Rapperswil, wo ich in die S40 steige, die mich zuerst dem See entlang und dann durch die Hügel nach Einsiedeln bringt.

Samstagern, geistert es in meinem Kopf herum. Samstagern, Samstagern, von da aus sind wir doch früher immer nach Einsiedeln gewandert, meine Grosseltern, meine Cousine und ich, Samstagern, Samstagern.

Als der Zug in Samstagern einfährt, erkenne ich nichts wieder. Ich wusste noch so ungefähr, dass es ein kleiner Bahnhof sein musste, eine Station eher, und dass man vom Bahnhof aus über eine stark befahrene Strasse musste und dann den Hügel hoch, über eine Kuhweide, steil hinauf, durch einen Wald und dann ging es «ebenaus», wie die Grossmutter immer sagte. Den Bahnhof sehe ich zum ersten Mal. Er ist zu gross, das Gelände zu hell und zu offen. Alles ist falsch. Ich bleibe sitzen. Der Zug fährt weiter. Ich bin verwirrt.

In Schindellegi fällt mir ein, dass ich mal jemanden kannte, der da wohnte. «Schön hier», denke ich, «aber ein bisschen ab vom Schuss».
Der Zug hält in Biberbrugg. Biberbrugg! Klar, Biberbrugg, ich Huhn, Biberbrugg, nicht Samstagern. Es war schon immer Biberbrugg und ich habe, wie mir nun einfällt, schon als Kind jeweils gesagt, wir seien von Samstagern aus gelaufen, einfach, weil mir das Wort Samstagern (auf Schweizerdeutsch «Samschtagere») so gut gefiel, dass ich Biberbrugg immer vergass.
Für einen kurzen Augenblick überlege ich, ob ich aussteigen und wie früher nach Einsiedeln laufen kann, aber als die Türe sich öffnet und 32°C warme Luft ins Fahrzeug strömt, setze ich mich blitzartig wieder hin und verschiebe die Wanderung auf den Herbst. Im Herbst ist wandern sowieso viel schöner, sage ich mir, da kann man auch mal den Kopf heben und in die Weite schauen, ohne dass man geblendet wird.

In Einsiedeln muss ich mich erst einmal orientieren. Da steht ein Einkaufszentrum direkt neben dem Bahnhof, von dem ich nicht mehr sagen kann, ob es bei meinem letzten Besuch vor geschätzten sieben Jahren bereits da stand oder nicht. Ich betrete es und kaufe, meiner Sommerferientradition folgend, ein Lustiges Taschenbuch und ein Donald Duck Sonderheft. Dann spaziere ich durchs Dorf. Auch hier hat sich einiges geändert, ich kann mich zum Beispiel nicht erinnern, dass hier letztes Mal bereits Billigkleiderläden ihre Fetzen auf dem Trottoir ausgestellt hatten.
Vor dem Klosterplatz komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus, die Arkaden auf der linken Seite sind vollständig eingerüstet und eine Infotafel klärt über den prekären Zustand des Platzes auf. In den nächsten Jahren kann man da wohl keine Postkartenfotos schiessen, ausser man plant einen Fotoband mit dem Titel «Klöster im Gerüst» oder «Arkadenrenovation im 21. Jahrhundert».

Ich schreite langsam über den Platz, beobachte Leute, überlege, weshalb sie hier sind, ob sie gewöhnliche Touristen sind und das Kloster als Touristenattraktion betrachten, oder ob sie vielleicht auf dem Jakobsweg wandern und hier Zwischenhalt machen. Eine junge Frau mit einer H&M-Plastiktasche in der Hand betritt die Kirche durch eine der halbautomatischen Seitentüren. Ich staune und gehe langsam auf das alte Gebäude zu. Mir fällt ein, dass ich wohl besser ein, zwei Taschentücher in der Hosentasche haben sollte und beginne den Rucksack zu durchwühlen – ohne Erfolg.
In der Kirche ist leises Gemurmel zu hören, einige Leute sitzen oder knien auf den Bänken vor dem Altar der Schwarzen Madonna. Ich stelle mich neben eine Säule ganz hinten und schaue die Madonna an. Leute kommen, verneigen sich vor der Bankreihe, bevor sie diese betreten. Ich kann mich nicht erinnern, das jemals beobachtet zu haben, aber meistens waren auch nicht so viele Leute in der Kirche, wenn ich mit meinen Grosseltern hier war. Eine Weile schaue ich mich in der Kirche um, schaue die Leute an, bestaune die Decke, bis mein Genick ganz steif wird und gehe dann zum Kerzenaltar an der hinteren Wand. Die Kerzen sind kleiner und teurer, als ich sie in Erinnerung habe, dafür sind die Becher mit den Umrissen des Klosters bedruckt. Ich bezahle trotzdem zweimal zwei Franken und zünde erst eine Kerze an und entfache dann die zweite an der ersten – irgendwie fühlt sich das richtig an. Die beiden Kerzen zünde ich an für meine Grosseltern, die vor ein paar Jahren gestorben sind und um die ich noch nicht richtig getrauert habe, weil ich immer vorhatte, mal nach Einsiedeln zu fahren und mich dort richtig auszuheulen. Ein Arbeiter kommt und sammelt die ausgebrannten Kerzenbecher ein, «viele Kerzen heute», sagt er und lächelt mich an und ich lächle mit tränennassem Gesicht zurück. «Ja», sage ich und schaue eine Weile den Kerzen beim Brennen zu.

Später positioniere ich mich noch einmal neben der Säule, schaue ins Leere, sehe Menschen an mir vorbeigehen, fühle, wie mir die Tränen wie Sturzbäche übers Gesicht bis ins T-Shirt fliessen und wie ich ein paar Mal tief atmen muss, um vor lauter heulen überhaupt noch Luft zu bekommen. Ich schäme mich nicht. Ich bin nicht die einzige, die weint.

Das grelle Sonnenlicht draussen trocknet mein nasses Gesicht fast sofort.

Der Weg neben der Klosteranlage erscheint mir länger als sonst. Erst überlege ich noch, ob ich eine Runde im Wald gehen soll, aber dann ist es mir doch zu heiss und ich setze mich unter einen Baum, wo ich eine Weile bleibe und den Schatten geniesse.

Später esse ich in einem Café einen trockenen Toast und trinke ein Schokoladenfrappé dazu, eine zugegebenermassen seltsame Mischung.
Auf der Fahrt zurück nach Rapperswil schaue ich aus dem Fenster und komme wie schon auf der Hinfahrt zum Schluss, dass die Schweiz schon einiges an schönen Landschaften zu bieten hat. Sanft geschwungene Hügel, kitschgrün wie im Trickfilm, kantige Schluchten, gewaltig hohe Berge und überall die Eisenbahn, die einen an fast jeden gewünschten Ort bringt.

Wieder einmal nehme ich mir vor, in Zukunft öfter mal Ausflüge zu machen. Ein Vorhaben, das, wie ich mich kenne, an meiner grandiosen Faulheit scheitern wird.

Das Torkeltier und das Rapsfeld

Man weiss ja nie so ganz genau, was in einem Pferdeschädel so vor sich geht. Manche behaupten, da gehe überhaupt nicht viel, Pferde seien dumm und könnten gar nicht denken. Nun ja. Es gibt bei den Equiden wie auch bei den Menschen gescheitere und weniger gescheite Exemplare. Und wie auch bei den Menschen sind die gescheiten eine grössere Herausforderung für ihre Umgebung.

Das Torkeltier, das ich nun schon bald zwei Jahre reite, gehört anscheinend zu der anstrengenden Sorte. Als er vor ungefähr fünf Jahren zu uns in den Stall kam, lief er keinen Schritt vorwärts. Nur seitwärts oder rückwärts oder auf den Hinterbeinen (ebenfalls rückwärts). Man hat dann herausgefunden, dass die Kastrationsnarbe ihn störte und behinderte. Nachdem man die Narbe entstört hatte, wurde es besser.
Nun ist er halt aber ein an seiner Umwelt sehr interessiertes Tier. Er will wissen, was läuft. Er will besonders gern wissen, was zum Beispiel oben auf dem Hügel läuft, wenn ich eigentlich gern hätte, dass er unter mir auf dem Reitplatz schöne runde Volten dreht. In den ersten paar Monaten bin ich fast verzweifelt, wenn er wieder aus einem schönen gelösten Trab plötzlich anhielt, sich umdrehte und den Hügel hinauf starrte, weil sich dort oben – man stelle sich das vor – ein Fahrrad (Spaziergänger/Jogger/anderes Pferd/ein Floh) auf dem Strässchen bewegte.

Das lief dann so ab:
Torkeltier (Vollstop aus dem Trab, Laura hängt ihm am Hals): «aaaaah! Ein Marsmensch! Ein Dinosaurier! Ein Horde blutsaugender Riesenfledermäuse! Das Grauen, der Horror!»
Laura: «nein. Ein Spaziergänger. Reg dich ab. Der darf sich da oben bewegen.»
Torkeltier (mit Giraffenhals): «Aber! Ich muss den beobachten! Hilfe!» (schraubt sich am Boden fest und lässt sich keinen Millimeter bewegen)
Laura: «Himmelarsch! Du bist ein Pferd, du hast deine Augen seitlich am Kopf, damit sich nicht das ganze Tier drehen muss, wenn es etwas anschauen will! Praktisch, oder?»
Torkeltier: «aber…»
Laura: «nein!»
Oder wenn wir drüber diskutierten, auf wievielen Spuren man gehen soll.
Torkeltier: «Da ist genug Platz, dass ich auf 6 Spuren gehen kann. Eine für jedes Bein und dann je eine für Kopf und Schweif.»
Laura: «Torkeltier, komm von der Schwelle herunter. Torkeltier, da kommt uns einer entgegen. Torkeltier, da steht ein Sprung, ich brauch doch mein Knie noch! Aua!»
Was dieses Vieh eins studiert!

Jedenfalls, um langsam zum Titel dieses Textes zu kommen… es ist ja alles viel besser unterdessen. Er flippt im Gelände nicht mehr aus, wenn etwas (andere Pferde, Fahrräder, Jogger, eine Mücke) von hinten kommt. Er hat selten diese Aussetzer, während derer er drauf beharrt, dass er auf KEINEN FALL an irgendeinem gefährlichen Ding (Haus, grosser Stein, kleine weisse Blume, quer liegende Grashalme) vorbei gehen wird. Einmal, letzten Herbst, ist er komplett durchgedreht, nachdem er eine Nase voll Saugülle eingeatmet hat. Da wollte er nur noch umdrehen und in eine andere Richtung laufen (in Richtung des Feldes, von dem der Güllegestank kam, logischerweise), was unsere Begleitung zum Kopfschütteln brachte.
Aber wie gesagt, solche Episoden sind selten geworden.

Letzten Dienstag allerdings, als wir neben einem fast erntereifen Rapsfeld her trabten, kam sein Hals mir immer mehr entgegen. Es nahm beinahe giraffenmässige Ausmasse an. Er starrte ins Feld, schnaufte Luft ein, blies die Luft schnorchend wieder aus, starrte noch mehr ins Feld, dass ich beinahe glaubte, diesmal habe er wirklich einen Marsmenschen gesehen. Ich hingegen sah nichts, was diese Reaktion gerechtfertigt hätte. Ich sah einfach nur Raps. Und Pferdehals. Am Ende des Feldes war sein Kopf so weit aufgerichtet, ich hätte mich nur leicht vorbeugen und ihn in den Mähnenkamm beissen können. Ein paar Meter nach Feldende war alles wieder beim alten. Ich habe keine Ahnung, was der Grund gewesen sein könnte. Vielleicht hat ihm der Geruch des Rapses nicht behagt? Ich musste mich jedenfalls ziemlich beherrschen, dass ich ihn nicht lauthals ausgelacht habe. Pferde sind zwar nicht so schnell eigeschnappt und beleidigt wie Katzen, aber bei dem Tier weiss man nie. Vor allem muss man ständig den Kopf bei der Sache haben. Das soll man natürlich immer, aber das Torkeltier bringt mich schon dazu, immerzu Ausschau nach irgendwelchen gefährlichen Dingen (Velos, Fussgänger, Jogger, Reiter, Ufos, Dinosaurier, Vögel, Katzen, bunte Blumen) zu halten. Denn so träge er sich auch sonst manchmal anstellt, so blitzschnell kann er sich unter mir 180° drehen.
Bild: Torkeltier im Normalzustand.

Bild: Torkeltier im Giraffenmodus.

es soll sommer sein

{«Es sagt mir nichts, das sogenannte Draussen» (Theaterstück von Sibylle Berg, ein Gastspiel des Maxim Gorki Theaters Berlin)}

Als ich aus dem Schauspielhaus komme, glänzt der Asphalt regennass. Pfützen liegen da, Menschen treten hinein, ich komme unter dem Dach hervor und denke

E S   S O L L   S O M M E R   S E I N

Und ich male mir aus, wie es Sommer ist und die Strasse dampft und wie ein kleiner süsser Sommersturm gewütet hat, während drinnen die vier jungen Damen tobten; wie vor zweieinhalb Jahren ein Sturm die Bäume vor dem Bernhardtheater entastet hat und die Äste dann da lagen, als wir in die Pause gingen beziehungsweise kamen und ich staunte, weil man drinnen vor lauter Theater überhaupt nichts gehört hat von dem Tosen draussen.

Das stelle ich mir also vor, dampfende Strasse und das Rauschen eines abflauenden Sommersturms in den Ästen der Bäume, die ja glücklicherweise (wenn auch in schwindender Zahl) noch in der Stadt herumstehen. Ich würde eine leichte, weite Jacke tragen, weil es Frühsommer ist und abends noch kühl, aber ich wäre zufrieden und vielleicht wäre meine Hand in einer anderen Hand.

Dekoscheiss

Ich hasse Dekokram.
Ich liebe Dekokram.

Stunden kann ich verbringen mit dem Betrachten wunderhübsch eingerichteter Wohnungen im Vintage- oder Shabby-Chic-Stil. Es gibt heutzutage unendlich viele Quellen für einschlägiges Bildmaterial, es gibt Pinterest und WeHeartIt, es gibt dutzende tumblr-Blogs, die sich dem Thema widmen. Ich verbringe also viel Zeit vor dem Bildschirm, in Ehrfurcht erstarrend ob all den perfekt gestylten Wohnzimmern und Schlafnischen und Sitzplätzen.

Die Ehrfurcht lähmt mich von aussen, der Neid zerfrisst mich von innen, während ich durch seitenweise weichgezeichnete aber wohlgefärbte instagramgefilterte Fotos scrolle und leise vor mich hin schwärme und fluche.
Es gibt auch haufenweise DIY-Blogs, mit allerlei Anleitungen zum Herstellen von «Pretty Things».
Pretty things my ass.

Klar sieht es total schön aus, so ein selbergemachtes Blumen-Arrangement an der Wand. Gebastelt aus zerschnittenen WC-Rollen und ein wenig schwarzer Metallic-Farbe aus der Spraydose.
Und ja, aus alten Büchern gerollte Rosenköpfe auf mit grünem Papier umwickelten Drähten sind total hübsch.
Und ja, auch selber bestempeltes oder bemaltes Packpapier als Geschenkverpackung, dekoriert mit selbergestanzten Tags ist ausserordentlich nett anzuschauen.
Und klar, ein Mobile aus selber gefalteten Origamivögeln (aus echtem buntem Origamipapier, selbstverständlich) hat durchaus seinen Reiz.
Und eigentlich mache ich solches Zeug auch gerne. Ich habe letztes Jahr eine Kette gemacht aus in Streifen geschnittenen vergilbten Buchseiten, habe sie in den Mirabellenbaum gehängt und ein paar Fotos gemacht und keine Sau hat sich dafür interessiert. Jetzt hängt die Girlande bei mir über dem Büchergestell und ist mir beim Abstauben im Weg.

Ich erstelle gerne schöne Dinge. Notiz- oder Adressbücher aus Leder, Agenden, Blümchen aus alten Buchseiten, geknüpfte Armbänder, bestempelte Couverts, Klappkarten mit eigenen Fotos, ich nehme auch gern irgendwelche Texte von mir und tippe sie auf der Schreibmaschine ab, weil mir erstens das Geräusch der Tasten so gut gefällt und zweitens Texte auf Papier so viel besser aussehen als auf Bildschirmen.
Nur bleibt da immer die Frage: WOHIN MIT ALL DEM SCHEISS?

Wenn ich mich erkundige, ob Leute ein Adressbuch benützen würden, wenn sie eines geschenkt bekämen, lautet die Antwort durchwegs folgendermassen: «Eher weniger. Ich hab das alles im Smartphone!»
Auf die Frage, ob sie Notizbücher benutzen: «Ich schreibe doch gar nie was auf» oder «das geht doch am Computer viel schneller».

Dekokram verschenke ich grundsätzlich nicht, weil ich selber nichts damit anfangen kann (meine Wände sind leer, oben auf meinem Regal befindet sich eine bizarre Ansammlung von Objekten, die nur als «Deko» gelten weil sie halt da oben herumstehen: zwei PEZ-Donalds, zwei Mini-Kaugummi-Maschinen, ein kleiner Schublädchenschrank, zwei Bücherstützen mit Büchern dazwischen, eine Holzschachtel mit Schmuck drin, eine Kartonschachtel mit Kram drin, ein Emaillekrug, eine Emailletasse, drei Kastanien in drei Herbsten gesammelt, eine Christbaumkugel in Kuhform, zwei Kerzenständer).

Ich sehe einfach den Grund nicht, schöne Dinge aufzustellen. Eine getrocknete Blume sieht zwar schön aus, zwei bis drei Tage lang, dann aber sammelt sich Staub darauf. Abstauben liegt nicht drin, weil die fragile Schönheit sonst direkt unter dem Staubwedel zerbröselt.

Bilder aufhängen liegt nicht drin, weil in meiner Einzimmerwohnung nicht genug Wand frei ist, damit so ein Bild «wirken» könnte. Freistehender Dekokram ist in meiner Nähe ständig in Gefahr, mit grossem Schwung irgendwo hinuntergefegt zu werden, weil ich mit Armen und Beinen immer irgendwo dagegenstosse, wenn ich vorbeigehe. Spätestens wenn es ums Abstauben geht, wäre sowieso Schluss.

Für wen sollte ich den Kram auch aufstellen? Ich lebe allein. In einer Einzimmerwohnung. Es kommt kein Besuch. Ich habe zwei Stühle, von denen einer von Kleidern belegt ist. Ich habe kein Sofa. Meine Wohnung ist ausgesprochen nicht gastfreundlich. Nicht ungastlich, sonst würde ich mich nicht wohlfühlen, aber halt nicht für Gäste gedacht. Wer also würde Dekokram sehen? Ich. Und das auch nur selten. Ich bin nicht so viel daheim, eigentlich nur Nachts und vielleicht zwei halbe Tage am Wochenende. In der Zeit schlafe ich. Oder schaue Filme. Oder bastle vielleicht irgendwas (von dem ich dann nicht weiss, was ich damit machen soll). Aber ganz sicher freue ich mich nicht über die tolle Dekoration.

{juni/juli/oktober14}

Die kleinen Freuden des Alltags, I.

Zuhinterst im Bus sitzen, auf dem allerletzten Sitz und jedes Mal vor Freude beinahe quietschen, wenn der Bus den steilen Hügel hinunter über eine der Verkehrsberuhigungsinseln hopst. Für einen Augenblick fühlt es sich an, als würde man auf einer Jahrmarktsattraktion sitzen, der Magen macht einen kurzen Hopser und senkt sich dann wieder an den korrekten Ort; es ist genau das Gefühl, das man sich von Achterbahnen erhofft und meistens auch bekommt. Aber während es auf den Höllenmaschinen meistens zu lange anhält, um noch angenehm zu sein, hat der kleine Sprung des Doppelgelenkbusses über die schwarz-weiss karierte Insel genau die richtige Länge. 

Schöne Dinge I.

Ich mag, wie meine Fussgelenke in den Steigbügeln federn. Ich mag, wenn das Torkeltier sich unter mir bewegt und es sich anfühlt als würden wir uns miteinander bewegen und nicht jeder für sich. Ich mag, wie es mit gespitzten Ohren im Stallgang steht und drein schaut, als könnte es kein Wässerlein trüben, dabei hat es die letzten fünf Minuten lang versucht, sich die Glocken und Gamaschen von den Hinterbeinen zu streifen. Ich mag es, wenn im Stall gefrässiges Schweigen herrscht.

Ich mag es, wenn der Kater als Knäuel auf meinem Rücken liegt. Oder lang ausgestreckt auf meinem Bauch, sein Kopf unter meinem Kinn. Ich mag, wie er immer vor mir an meiner Haustüre ankommt, auch wenn sein Weg dahin doppelt so lang ist wie meiner. Ich mag, wie er den Nachbarskater anknurrt und die Zähne fletscht.

Ich mag das Rattern von Zugrädern auf Gleisen und die Regentropfen am Abteilfenster. Ich mag die Fahrt von Pfäffikon nach Chur und dass man vom InterRegio aus im Winter die Schneefallgrenze als gerade Linie an den Bergen erkennen kann. Ich mag das Plätschern des kleinen Baches in der Ebene zwischen Trin Mulin und Pintrun. Ich mag die Süsswasserkrebse, die in den Ufernischen des Crestasees hausen und besonders mag ich das winzige Inselchen mit dem einzelnen Baum, das sich nur wenige Meter vom Ufer entfernt befindet.

Ich mag es, an Konzerten den Bass im Bauch wummern zu spüren. Ich mag es, im Winter in der Dämmerung durchs verschneite Zürich zu spazieren, in dem Teil, der ein bisschen wie die Winkelgasse aussieht. Ich mag es, mich kopfvoran in knietiefen frisch gefallenen Pulverschnee fallen zu lassen. Ich mag den Geruch von frisch gedruckten Büchern. Und den Geruch, den meine Bettwäsche hat, wenn sie ein paar Stunden zum Auslüften in der Frühlingsluft hing. Ich mag die Farbe des Crestasees im Sommer und die Berge, die sich in der glatten Wasserfläche spiegeln, wenn der Wind nicht bläst.

Ich mag die Melodie und die ungewohnten Wörter des Walliserdeutschen Dialektes. Ich mag das Grillenzirpen, das um diese Jahreszeit wie eine Geräuschwand in der Landschaft steht. Ich mag das Funkeln der Sterne in einer klaren Nacht und das leise Rascheln des Schnees, das zu hören ist, wenn er über Starkstromleitungen rieselt. Ich mag das Gefühl von Nebel, der so dicht ist, dass er greifbar zu sein scheint und einen wie ein kühles feuchtes Tuch umwickelt. Ich mag den Dunst, der an Herbstmorgen vom feuchten Waldboden aufsteigt, und ich mag ihn besonders, wenn die Sonne ihre Strahlen durch die Baumstämme schickt und zusammen mit dem Dunst den Wald leuchten lässt.

Ich mag Spinnennetze voller Tautropfen, die man frühmorgens in den hohen Wiesen hängen sieht. Ich mag die Spinne mit den gestreiften Beinen, die bei mir im Badezimmer lebt und mir die Mücken vom Leibe hält. Ich mag den Frühling und die sieben Millionen verschiedene Grün, die er mit sich bringt.

Ich mag das Wort «salbeigrün», das ich soeben zum ersten Mal gelesen habe.
Ich mag das Rauschen eines Frühlingsregen im jungen grünen Laub. Und ich mochte immer ganz besonders das Prasseln und Rumpeln eines Sommergewitters, während ich in Pintrun im alten Stall im Heu lag und mir Geschichten ausdachte.

Unsinn 14.04.24

Um sechs Uhr befinde ich mich in einem Zustand zwischen Wachen und Schlafen, ich bin eigentlich wach, liege mit offenen Augen da, träume aber gleichzeitig weiter irgendeinen Quatsch und kann mich nicht bewegen. Ich fühle meinen Körper, wie er schwer auf dem Futon liegt und langsam zu versinken scheint, eins wird zuerst mit der Matratze, dann mit dem Lattenrost darunter, während von oben her die Decke sich verflüssigt und mit meiner Haut verschmilzt, bis ich verschwunden bin, aufgesogen vom Leintuch, das zuunterst liegt. Während dieses Vorgangs versuche ich, herauszufinden, wie ich da denn eigentlich liege, ist mein rechter Arm hinter oder vor mir auf der Matratze positioniert? Liegen meine Beine gerade übereinander, nebeneinander? Habe ich ein Knie angewinkelt, wie meistens? Und wo ist mein linker Arm? Für einen kurzen Moment fühlt es sich an, als läge mein Kopf zwei Meter neben dem Rest, zweihundert Zentimeter neben diesem nutzlosen Haufen Fleisch und Knochen. Genau so fühlt es sich nämlich an, kurz vor dem Verflüssigen, abwechslungsweise – im Sekundentakt wechselnd– als lägen alle Glieder auf einem Haufen, dann wieder, als wären sie wild im Raum verteilt. Keinerlei Zusammengehörigkeitsgefühl ist vorhanden, ich kann ja nicht einmal sagen, wo mein Hintern sich befindet, wo meine Füsse, bewegen ist unmöglich.

Das kenne ich bereits und weiss, dass ich einfach abwarten muss, bis ich eins geworden bin mit allem, bis mein Bett mich assimiliert hat, weil dann nämlich irgendwann die Wecker klingeln, was zur Folge hat, dass ich irgendwann wach genug sein werde, um mindestens mal einen Arm aus dem Haufen zu kramen, ihn auszustrecken und den ersten Wecker auszuschalten. Wenn dann die nächsten Alarme folgen, werde ich wacher sein und mit etwas Glück kann ich nach Ausschalten des letzten Alarms einer schlabbrigen Qualle ähnlich vom Bett auf den Boden pflatschen und mich irgendwie ins Badezimmer bewegen.

Die letzten Meter zum Bus muss ich rennen, weil ich wegen des unterdessen hoch gewordenen Rapsfeldes nicht mehr bis zur Strasse sehe. Bei den nächsten beiden Stationen kommen Leute gerade erst zur Haltestelle gelaufen, als der Bus vorbei fährt – anscheinend habe ich den früheren Bus erwischt und zudem ist er pünktlich, der andere, den ich sonst immer nehme, fährt zwei Minuten später und war, wie der, in dem ich jetzt sitze, in den letzten beiden Wochen immer ein bisschen zu spät dran. Das wird jetzt so sein in den nächsten anderthalb Jahren, dass die Busse immer zwei, drei, vier Minuten zu spät sind, anderthalb Jahre lang wird um den Bahnhof herum gebaut, wir reden hier von rund 600 Metern Strasse und einer Brücke. Man hat nach dem Dorf sogar extra ein Stück Wiese asphaltiert und das Bushaltestellenschild verschoben und zwischen Dorf und Bahnhof auf der Strasse, auf der sonst eigentlich nur Zubringerdienst gestattet ist, eine Kurve entkurvt und gegrädet und ebenfalls asphaltiert, damit die Busse geradeaus fahren können. Die Bremsschwellen auf dem recht steil abfallenden letzten Stück der Strecke allerdings, die bleiben wo sie sind, und so sitze ich morgens wenn möglich ganz hinten im langen Bus und stelle mir vor, ich befände mich im Europapark auf irgendeiner Achterbahn, und grinse zufrieden vor mich hin, wenn das Hinterteil des Fahrzeugs über die Bremsschwellen hopst.

Den Bürostuhl, der seit gestern ein abgeknicktes Rad hat, repariere ich mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen: Gummihammer, Schraubenzieher, eine Zange und … Klebeband. Die Kollegen schauen mir zu, als ich mich auf das «reparierte» Möbel setze und reissen Witze. Es hält.

Ich kaufe Chips in allerlei unmöglichen Geschmacksrichtungen, frage mich, wer sich die wohl ausgedacht hat.

Mit dem Torkeltier diskutiere ich darüber, ob die bunten Fässchen, die sonst unter einem Sprung, heute aber am Rand des Reitplatzes im Sand stehen, gefährlich sind. Er findet sie grauenhaft und will erst rückwärts rennen, nachher läuft er zwar vorwärts, windet sich aber jedes Mal wie ein Wurm daran vorbei.

Auf dem Heimweg kommt zum ersten Mal seit langem ein Auto vom Dorf herauf und beansprucht Vortritt, ich muss eine Vollbremsung hinlegen, aber immerhin weiss ich nun, dass die Bremsen an meinem Fahrrad, die ich letztes Jahr repariert habe, funktionieren.

unsinn 14.04.23

Zum ersten Mal reiten mit dem neuen Helm. Nach einer Stunde kein Kopfweh, der Schädel wird halbwegs gut belüftet, das Futter ist wasch- und austauschbar, der Drehknopf zum anpassen der Grösse drückt nicht und halbwegs passabel ausschauen tut das Ding auch. Im Laden habe ich Helm um Helm anprobiert, sogar schweineteure Modelle von Uvex, aber alle haben sie irgendwo gedrückt oder gezwickt oder gekratzt. Kriterien waren: waschbares und/oder austauschbares Futter; kein Samt- oder samtähnlicher Bezug, weil wenn man einmal damit im Sand gelegen hat, wäscht auch der stärkste Starkregen die Spuren nicht mehr weg; leicht; optisch halbwegs tragbar. Ich hatte mir vier Modelle notiert, eines davon gab es im Laden gerade nicht, zwei davon waren so unbequem, dass ich nach einer Minute Kopfschmerzen bekam und der vierte, den ich dann auch gekauft habe, passte sofort, fühlte sich angenehm an und war zudem noch der günstigste.

Drehe mit dem Torkeltier meine Runden auf dem Reitplatz, langsam kann ich auch im Galopp gerade sitzen, das war am Anfang etwas schwierig, weil er bei jedem Galoppsprung in den Zügel rupfte und ich durch den Unfall im November nicht ganz so gerade und richtig zu sitzen vermochte. Aber es wird. Zum Schluss trabt er zufrieden und leicht verschwitzt dahin und mir tut zwar alles weh, aber zufrieden bin ich trotzdem.

Auf dem Heimweg, als ich zuoberst auf dem Hügel schon fast abgebogen bin, um besagten Hügel hinunterzubrausen, bemerke ich, dass die Obstbäume hinter der Lamaweide seltsam hell sind. Wie bleiche Gespenster stehen sie da im Halbdunkel und leuchten. Ich halte an und überlege, was das soll, warum die Bäume so zu glühen scheinen im zaghaften Mondlicht.
Sie blühen. Natürlich blühen sie, es ist Frühling, das machen Pflanzen im Frühling so, sie blühen. Der Eisprung der Natur, sozusagen. Weil nun aber der Blust des Mirabellenbäumchens in Mutters Garten und der des uralten Zwetschgenbaums im Garten daneben bereits vorbei sind, habe ich irgendwie verschlafen, dass andere Gewächse noch immer in voller Blüte stehen.

Ich lächle, winke den Geisterbäumen zu und fahre freihändig den Berg hinab.