Sommernacht I.

{21. Juli 2013, 23:13}

Es ist fast Vollmond.

Sonntagnacht, Abend eher noch, gerade elf vorbei, vor einer Woche war ich um diese Zeit noch in Zürich, unweit vom Zoo, am Live at Sunset, total happy irgendwie, nach dem Konzert von Hugh Laurie und seiner tollen Band.

Jetzt aber bin ich gerade von einem Spaziergang zurückgekehrt und kann immer noch nicht schlafen, es ist zu heiss, drinnen wie draussen, vor allem aber drinnen, wahrscheinlich würde ich draussen besser schlafen, aber draussen sind Käfer und Spinnen und Schnecken, und so sehr ich all das Getier schätze, wenn es über mich drüber spaziert, schätze ich es nicht.

Hier auf dem Land sind um diese Zeit alle Lichter gelöscht, jedenfalls, wenn am anderen Tag nicht Sonntag oder Samstag ist. Als ich zur Türe hinaustrat, wurde ich von meinem Kater empfangen, der schien genau so schlaflos wie ich und eine Weile habe ich ihm den Bauch gekrault, bis es ihm zu viel wurde und er mir eine runterhaute. Dann bin ich gegangen. Der Kater folgte mir ein paar Meter, entdeckte dann irgendeinen Nachtfalter, den er jagen wollte, und blieb zurück.
Als ich an den Häusern vorbei war, maunzte es hinter mir und als ich mich umdrehte, sass da eine Katze. Erst dachte ich, es sei Frau Meier, die Katze meiner Vermieterin, aber die Figur stimmte nicht, und die Form der Ohren stimmte nicht und das Fell stimmte irgendwie auch nicht, es war zu struppig und auf der Seite voller Knoten.

Ich ging weiter, langsam, wie Leute im Film es tun, Hand in Hand und furchtbar verliebt, aber ich ging allein und total unverliebt, wie immer. Mich umschauend, entdeckte ich Katzen an allen Ecken und Enden, sie kamen daher, wie Menschen auf der Strasse daherkommen, einige zielstrebig, geradeaus, man sah ihnen an, die wissen, wohin sie wollen, andere hingegen streunten scheinbar ziellos umher, setzten sich hin, schauten sich um, trafen aufeinander, beschnüffelten sich kurz, gingen weiter. Zwei besonders buschige Exemplare sassen sich eine Weile gegenüber, starrten sich an und knurrten leise, bis die eine aufgab und scheinbar desinteressiert weiterzog.
«So ist das also», dachte ich, «DAS ist es, was die Katzen nächtens treiben, sie spielen Menschen!»
Und dann dachte ich, was für ein Unsinn, was für ein gequirlter Quark.
Sie spielen gar nichts, sie sind nachts genauso Katzen, wie sie tagsüber Katzen sind, nur sind sie nachts ungestörter und irgendwie inkognito. Nachts, so malte ich mir aus, werden samtige Stubentiger zu borstigen Streithähnen und ich stellte mir vor, wie mein langbeiniger eleganter Kater zu einem langbeinigen struppigen Monstrum mutiert, sich mit Charlie und Giuseppe einen erbitterten Kampf liefert, und den Rest der Nacht damit zubringt, sich wieder zu putzen und zu striegeln, damit er morgens wieder glänzend und glatt zum Frühstück erscheinen kann.

Ein bisschen weiter vorne lief ich ein Stück über die Wiese, mit grossen Schritten über die Heumädli hinweg, und setzte mich ins stachlige weil frisch gemähte Gras.
«Fool on the Hill» fiel mir ein, das ist der Titel eines Buches, welches, wie viele andere ungelesen bei mir Regal steht. Da war ich also, ein Dummkopf auf einem Hügel.

Nach ein paar Minuten schien es mir, als hätte jemand einen Lichtschalter betätigt. Der Mond war irgendwie heller geworden, leuchtender. Ich konnte plötzlich alles erkennen, Bäume, Sträucher, Häuser in einiger Entfernung. Es war alles so unwirklich in dem blassblauen Licht, und als ich über den milchigen Hügeln knapp über dem Horizont eine Wolke entdeckte, fühlte ich mich, als wäre ich in ein Gemälde gefallen.
Vollmond hin oder her, so konnte keine wirkliche Landschaft aussehen. Zu perfekt schien alles arrangiert, die Baumkronen wie grün gefärbte Wattebäusche auf schwarzen Stielen, zu gleichmässig schien der Abstand zwischen den Bäumen am Ufer des Bächleins unten rechts im Bild.
Völlig absurd schien auch der Gedanke, dass Katzen sich des Nachts versammeln, das konnte nicht sein, das musste sich jemand ausgedacht haben.

Ich legte mich hin, den Kopf auf einem Büschel trockenem Gras, und atmete ein. «So muss der Sommer riechen, herb und irgendwie süss, ein bisschen wie Marzipan.»
Bis heute ist mir unbegreiflich geblieben, warum Heu manchmal nach Marzipan riecht, vor allem im Sommer. Der erste Schnitt im Frühling riecht ganz anders, der riecht nach Laub und nach Kräutern und nach Schnee.

In der Ferne glitzerten die Lichter einer Stadt, vielleicht war es auch ein Dorf und ich trat mich geistig in den Hintern, weil ich schon wieder nicht wusste, welche Ortschaft es war. Ich erkannte die Kirche von Gossau und die paar müden Lichter drum herum und rechts davon, noch weiter weg… Mönchaltorf.

Dann begann ich zu hören.
Das Rauschen der Autos auf den Strassen. Grillenzirpen. Ganz leises Kuhglockengebimmel. Froschgequake. Ein Wassersprinkler.
Und dann: ein lautes Grunzen. Erst dachte ich, ich hätte mich getäuscht, und es hätte ein Hund gebellt, aber dann ertönte das Geräusch noch einmal und wenn es ein Hund gewesen wäre, hätte spätestens jetzt ein Mensch den Hund angeschnauzt. Erneutes zorniges Grunzen, ein Rascheln, dann ein weiteres Grunzen, weiter weg jetzt, der Grunzer musste unten dem Hügel entlang gerannt sein. «Ein Wildschwein!» dachte ich, und schüttelte dann den Kopf, kommen Wildschweine wirklich so dicht an bewohntes Gebiet? Es ist durchaus damit zu rechnen, darum stand ich auf und ging langsam zurück, denn mit einer wütenden Wildsau wollte ich mich nicht anlegen, egal, wie unwahrscheinlich es war, dass sie in meine Richtung lief oder überhaupt existierte, ich wollte es nicht darauf ankommen lassen.
Vorne auf dem Weg waren immer noch die Katzen, und jetzt glaubte ich, zwei davon zu erkennen, Giuseppe und einen rotweissen Kater, dessen Namen ich immer vergesse.

Der Rotweisse kam auf mich zu und ich streichelte ihm den Kopf, dann ging ich langsam zurück zum Haus, in Staunen versunken über all die Dinge, denen man nachts so begegnet, draussen vor der Tür und drinnen im sonnenmüden Kopf.

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