wohin mit all der Energie?

Etwas wurde freigesetzt in jener Nacht im Mai, etwas starkes und unheimliches, etwas treibendes und lähmendes zugleich.
Eine ungeheure Energie, die ich nicht so recht beschreiben kann, sie will mich antreiben, jagen fast, aber ich lasse sie nicht. Ich stehe mit beiden Füssen auf dem Bremspedal, ich sträube mich mit Händen und Füssen und allerlei anderem.

«TU WAS!!» Brüllt sie in mir.
«WAS DENN??» brülle ich zurück, verzweifelt, weil ich doch will, weil ich weiss, dass ich sollte und doch nicht kann, weil eine massive Wand vor mir steht, eine Wand, wohlgemerkt, die ich selber gebaut habe. An der ich stetig baue, ohne dass ich will. Es ist, als würde die eine Hand mit aller Kraft den Weg freizuschaufeln versuchen, während die andere Hand Backstein um Backstein aufeinander schichtet.

«EGAL WAS! IRGENDWAS!
Schreib ein Buch, schreib zwei Millionen Gedichte, mal ein Bild, mal zehn Bilder, knüpfe ein Band mit 44 Fäden, lerne weben, stricken, stricke einen Schal für den Mirabellenbaum, häkle einen Fallschirm, webe ein Cape aus Eiswürfeln, renn einen Marathon, geh Bungee-jumpen (ohne Seil), MACH IRGENDWAS VERRÜCKTES!»

Was hab ich denn davon? Keiner will zwei Millionen Gedichte lesen, keiner will ÜBERHAUPT Gedichte lesen in der heutigen Zeit, das hat die Buchhändlerin ja damals meinem Grossvater gesagt.
«Lyrik? Das verkauft sich schlecht. Nehmen Sie das wieder mit, gehen Sie weg, schreiben Sie einen Roman und kommen Sie dann wieder, schreiben Sie lautes Zeug, keine leisen Gedichte, DAS VERKAUFT SICH SCHLECHT!»
Genau so, ungefähr so, mehr oder weniger so hat sie das gesagt. Und er hat es uns erzählt mit einer grossen Bitterkeit in der Stimme, mit dem Schmerz eines alten Poeten, einem Schmerz, den er sofort, jawohl, in ein Gedicht umgewandelt hat.

Und wie soll ich ein Buch schreiben, wenn ich seit einer Woche an einer dämlichen Kurzgeschichte herumbastle?
Der Bär will nicht mit mir reden, basta. Das heisst, unterdessen will er, aber ich versteh‘ ihn nicht. Zuletzt erzählte er etwas von Liebe, und was er alles für sie tut,  zum Eisbären werden nämlich; er, der Teddybär will wegen der Liebe zum Eisbären werden, und da war dann Schluss. Ich verstehe nichts von der Liebe, da kann er mir noch lange erklären, wie er sich gefühlt hat, als er die Eisbärin zum ersten Mal sah.

Wenn ich mit blosser Energie irgendwas anstellen könnte, aus blosser Geisteskraft ein Feuerwerk loslassen zum Beispiel, oder Blitze erzeugen, in Lichtgeschwindigkeit rennen oder vielleicht sogar irgendwas nützliches tun, ich würde.
Aber es geht nicht.

Und so bleibe ich rastlos, mit hundert Ideen im Kopf und null Ahnung, wie ich die da raus bringe. Vielleicht explodiert mein Herz vor lauter Klopfen, vielleicht implodiert mein Hirn, weil die Gedanken so schnell darin herumhopsen, während ich da stehe, ganz still und unbeweglich, damit mein Körper nicht kaputt geht an all der Energie, die in mir pulsiert.

Vielleicht werde ich davonrennen, ganz schnell, ganz weit, die Gedanken im Wald an Bäumen und Felsen abstreifen, durch Bäche waten um sie von meiner Spur abzubringen, ich werde die Worte, die in mir sind und sich nicht zu vernünftigen Texten verarbeiten lassen wollen an Bäume hängen, an die höchsten und ältesten Bäume, die ich finde, da werde ich sie baumeln lassen, bis sie freiwillig von mir fern bleiben und ich zurück kann, zurück in den Zustand seliger Gelangweiltheit und Ruhe und wunderbar grauer Depression, weg von der Manie, die mich jagt, bis ich nicht mehr kann, die mir diese Unmengen an Farben und Klängen und Wörtern auf den Hals hetzt und sagt…

JETZT MACH MAL!

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